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“Das war doch nur ein Witz” oder auch: Warum es nicht witzig ist.

  • Rassismus
  • Sexismus
  • LGBTQ* feindliches Verhalten

Ich bin wütend.

Verdammt wütend. Warum? Weil privilegierte Menschen immer noch nicht verstehen wollen, dass es nicht okay ist auf Kosten von Minderheiten Witze zu machen.

Wie ich darauf komme? Auslöser für diesen Text war eine Caption auf Instagram. Eine junge New Adult Autorin unterhält sich in dieser Caption mit ihrem fiktivem Charakter. Weil der aber nicht so ganz machen möchte, was sie als Autorin von ihm verlangt, droht sie ihm “spaßeshalber” ihm Schwulengerüchte anzuhängen, wenn er nicht brav ist.
Das hat die Community mitbekommen. Und das hat einigen nicht gefallen. Die Autorin wurde outgecalled. Das bedeutet, es wurde öffentlich gemacht, dass sie einen Witz auf Kosten von Schwulen gemacht hat. Dass diese Aussage nun mal homophob ist.

Was ist dann passiert?

Eine Welle schwappte plötzlich in der Buchcommunity auf Instagram über. Scheinbar jeder redete darüber. Und irgendwie wurde deutlich, wie viele Menschen eigentlich nicht verstanden haben, worum es ging und warum es nicht lustig war.

Besonders deutlich wurden 2 Dinge:

1. Es ist vielen nicht bewusst, welche Hintergründe in bestimmten Aussagen stecken, warum diese nicht okay sind.

2. Wird die Kritik nicht angenommen und/oder so verdreht, bis die kritisierte Person in der Opferrolle steckt. Oftmals weil man der Person Nahe steht, eine Verbundenheit zu ihr verspürt und/oder Sympathie empfindet.

Warum bin ich wütend?

In Zeiten des Internets haben wir eine Möglichkeit geschaffen, Informationen auf schnellste und einfachste Art und Weise miteinander zu teilen. Wir können unser Weltbild erweitern, über den Horizont hinausschauen und das nur mit wenigen Klicks. Minderheiten, die Angst vor Diskriminierung haben müssen, können anonym oder öffentlich ihre Meinungen und Erfahrungen teilen und uns Privilegierteren ihre Lebensrealitäten aufzeigen.
Wir haben die Möglichkeit zu lernen und uns weiterzuentwickeln, nicht nur technisch, sondern auch menschlich. Und warum auch immer scheinen sich immer noch manche dagegen zu sträuben, sich damit auseinanderzusetzen.

Ich bin nicht so eine*r!”, denkt sich vermutlich jetzt der Großteil, der das hier liest.
Aber das hat doch auch niemand gesagt, dass du so eine*r bist.
Du musst nicht bewusst homophob oder Rassist sein. Wir haben das aber alle erlernt so zu denken und es nicht zu bemerken. Es ist unsere Normalität.
Mindestens 99% von uns sind schon von klein auf damit groß geworden. Jungs spielen nicht mit Puppen, Schminke ist nur für Mädchen, “schwul” wird als abwertendes oder beleidigendes Wort genutzt.
Niemand kann mir erzählen, dass in der Schule nicht mitbekommen zu haben: “Bist du schwul, oder was?”, “Guck mal die Schwuchtel da, hahaha!”. Diese Sprüche sind nicht direkt gleichbedeutend damit, dass du oder andere Schwulenfeindlich sind. Aber es setzt das Schwulsein in einen negativen Kontext, wodurch wir automatisch und unterbewusst Schwule als weniger “gut” oder gar “wertvoll” betrachten.

Ich war noch nie Fan davon, Menschen auszugrenzen, trotzdem stecken diese Gedanken auch in meinem Kopf. Nicht weil ich das will. Weil es so normal ist. Weil es die Normalität ist, mit der wir großgeworden sind, die uns von unserer Umgebung beigebracht wird. Es ist normal Schwule oder andere Minderheiten als weniger wertvoll, als anders zu betrachten. Unterbewusst drückt man solchen Menschen automatisch einen Stempel auf. Genauso wie manche Sprüche so normal sind, dass man sie immer wieder sagt.

Es liegt an uns, diese Normalität umzugestalten und eine neue, bessere Normalität zu erschaffen, in der sich jeder Mensch wohl fühlen kann.

Das Bewusstsein dafür muss erst geweckt werden. Und damit ist es nicht getan. Dann findet ein Lernprozess statt, der vermutlich ein Leben lang dauert. Und etwas zu erlernen heißt auch Fehler zu machen und machen zu dürfen. Niemand ist perfekt. Niemand erwartet, dass du perfekt bist. Aber wenn du auf einen Fehler hingewiesen wirst, wenn dir gesagt wird, du hast andere Menschen verletzt, dann ist das kein Angriff gegen dich. Dann hast du eine Möglichkeit. Die Möglichkeit dich zu entschuldigen und aus deinem Fehler zu lernen und es besser zu machen.
Und das ist doch eigentlich großartig, oder nicht?

Wir haben die Möglichkeit nachzufragen, nachzudenken, nachzuforschen. Wenn uns nicht klar ist, warum eine Aussage diskriminierend war, können wir das herausfinden. Es gibt zig Menschen aller Minderheiten, die bereit sind uns zu erklären, warum etwas was wir gesagt oder getan haben so nicht in Ordnung war. Und das einfach aus gutem Willen heraus.
Statt das zu wertschätzen, passiert oft der oben genannte Fall. Man fühlt sich angegriffen. Weil die eigene Normalität, das eigene Denken in Frage gestellt wird. Es ist schwierig, sich selbst einzugestehen, dass man etwas falsch gemacht hat oder andere verletzt hat, weil man das ja gar nicht wollte. Es ist notwendig, sich einen Fehler einzugestehen. Und gerade in solchen Fällen, fällt es den meisten erschreckend schwer. Wer will schon Rassist oder Sexist genannt werden?

Fast allen Betroffenen ist bewusst, dass du kein Rassist o.ä. sein willst. Niemand denkt das.

Betroffene wollen uns nur sensibilisieren. Sie möchten uns darauf hinweisen, dass etwas, was wir als normal und völlig okay empfinden, gar nicht so okay ist. Das geht nicht gegen uns als Person. Das geht gegen die gesellschaftlichen Strukturen, durch die wir dieses Denken erlernt haben.

Nur wir selbst haben es aber in der Hand, dieses Denken umzustrukturieren.

Uns neues Denken anzueignen. Das fängt damit an, erstmal zu akzeptieren, dass wir Fehler machen. Zu akzeptieren, dass auch die Menschen die wir lieben und schätzen Fehler machen. Ich kann meine Freunde noch so sehr lieben und wissen, dass es gute Menschen sind. Trotzdem sind sie aufgewachsen wie ich. Mit den gleichen Denkstrukturen. Mit den immer gleichen Sprüchen. Das meinen sie niemals böse, sie wissen es nicht besser, weil sie nie in der Situation waren sich damit auseinandersetzen zu müssen.

Manchmal platzt mir einfach der Kragen. Ich würde mich eigentlich als entspannten Menschen bezeichnen, der nicht leicht in die Luft geht. Aber irgendwann ist es nervig und anstrengend und dann bringt auch schon ein kleiner Tropfen alles zum überlaufen. Genauso ergeht es Betroffenen. Die immer gleichen Fragen. Die immer gleichen Erklärungen und Diskussionen. Sich tagtäglich mit Diskriminierung auseinandersetzen zu müssen, immer und immer wieder, bis es einem zum Halse raushängt. Ist es da verwunderlich, dass es diesen Personen irgendwann reicht? Das sie irgendwann nicht mehr mit “bitte” und “könntest du” und “wäre voll nett” Menschen ansprechen? Oder vielleicht sogar gerade einfach gar keinen Bock haben mit jemanden zu diskutieren und sich trotzdem Luft machen wollen?
Das ist menschlich. Und vollkommen okay. Wir können das gar nicht nachvollziehen, wie es Betroffenen ergeht. Wir können nur aus Erzählungen nachkonstruieren und erlaubt uns das ein Urteil zu fällen? Nein ganz sicher nicht.

Was also können wir tun?

Wir können uns unseren Fehlern bewusst werden.
Betroffene um Rat fragen, ihnen zuhören und Kritik annehmen.
Wir können dazulernen und versuchen nachzuvollziehen, wie ein Betroffener sich fühlt.

Wir sind keine schlechten Menschen, weil wir etwas nicht wissen.
Wir sind nur schlechte Menschen, wenn wir nicht bereit sind zu lernen.

Verratet mir eure Meinung!

Ich liebe es mich mit euch auszutauschen, also verratet mir doch gerne weiter unten in den Kommentaren eure Meinung zu diesem Beitrag. Habt ihr andere Ansichten oder selber einen Beitrag zu diesem Thema geschrieben? Erzählt mir davon!

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Taaya
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Huhu, ich würde nicht sagen, dass ich anders denke. Im Gegenteil, ich finde den Beitrag sehr gut gelungen. Und als Betroffene – nicht in dem Fall aber bei Marginalisierung von Behinderten -, stimme ich auch der Betroffenenseite zu. Ich weiß, dass Menschen normalerweise nicht bewusst verletzen, von einigen Rechten abgesehen. Und ich bin auch immer wieder gerne bereit, Fragen zu beantworten, so gut es mir möglich ist. Und nun muss ich erst einmal sagen, dass ich auf Insta nicht aktiv bin und deshalb von dem Fall nicht wirklich viel mitbekommen habe, mich also auch NICHT auf ihn beziehe. Nur leider… Weiterlesen »

Yvonne
Gast

Liebe Jenny danke für deinen tollen Beitrag! Hab ihn sogleich im Blog Glück für November verlinkt. Am meisten hat mich nicht nur der homophobe Witz aufgeregt, sondern echt die Reaktion darauf. Ich verstehe einfach nicht, was so schwer daran ist, sich zu entschuldigen. Es ist scheiße, als bekannte Autorin im Internet outgecalled (sagt man das so?) zu werden, weil ein Witz homophob war. Aber dann muss man die Kritik doch einsehen und sich entschuldigen und das reflektieren und annehmen und überhaupt. Dabei war die Reaktion genauso ätzend wie die von Barabra Schöneberger. “War doch nur ein Witz, sie ist so… Weiterlesen »

Franziska
Gast

Das sind kluge, wahre Worte!

Heike
Gast

Wow. Ein toller Beitrag. Das Schlimme ist, wir machen das alles unbewusst. Ich nehme mich da nicht aus. Irgendwann in unserem Leben muss es also einen Punkt gegeben haben, an dem wir das gelernt haben. Wann? Wo? Von wem? Das sind Fragen, die wir wohl selten klären können.

Aber der Mensch soll ja lernfähig sein. *Hab ich jedenfalls gehört.* Nachdenken, bevor man redet wäre vielleicht ein Anfang.

Astrid
Gast

Danke für den Beitrag, genau so sehe ich das auch. Ich habe den “Vorfall” eine Weile verfolgt und mich gefragt, warum man sich nicht einfach entschuldigt.

LeseWelle
Gast

Hey Jenny,
wow, das ist ein ganz toller Beitrag, mit dem du die wichtigen Dinge ansprichst.
Ich bin auch jemand, der manchmal gar nicht merkt, dass ich was falsches gesagt haben könnte oder das das verletzen könnte, aber ich bin froh wenn mich jemand darauf hinweist und je mehr ich mich damit befasse umso sensibler werde ich für meine Sprache oder wie ich mich verhalte.
Es ist schwierig Gewohnheiten abzulegen, aber man kann es schaffen, man muss sich nur einfach bewusster werden was man sagt bzw. tut.
Diana :-*

Friederike
Gast

Liebe Jenny,

Danke, dass du deine Gedanken so schön in Worte gefasst hast. Ich kann dir nur absolut zustimmen und bin entsetzt und sauer, das die Autorin und auch ihre Verteidigerinnen den Kern des Problems nicht erkannt oder anerkannt haben.

Alles Liebe
Friederike.

Nadine
Gast

Ein ganz toller Text, den du da verfasst hast, musste die ganze Zeit dir nickend zu stimmen! Vor allem macht es mich traurig, dass sie es nicht verstanden hat und sich nur dafür entschuldigt hat, dass der Kontext nicht klar war, was mal sowas von keine Entschuldigung war. Bei mir wurde schwul in der Schule auch als Beleidigung verwendet, wie du oben schreibst wo nicht. Als in der Schule meine ehemaligen “Freunde” meinten ich wäre ja lesbisch, war ich total wütend und habe das vehement bestritten, ich wusste nicht einmal was mit den Begriff anzufangen, nur wurde es so abwertend… Weiterlesen »